Andacht

Liebe Leserinnen und Leser,

„Nenikekamen!“ ruft der Läufer auf Griechisch aus, bevor er zusammenbricht. „Wir haben gesiegt!“ 42 Kilometer ist er von Marathon nach Athen gelaufen, um die sensationelle Nachricht zu überbringen: „Wir haben gesiegt!“ Das Heer der Perser, das 490 v. Chr. in Griechenland eingefallen war, wurde in der Schlacht bei Marathon vernichtend geschlagen. Ein großartiger Sieg der Athener und ihrer Verbündeten, der zum Symbol wurde für den Sieg der Freiheit über die Unterdrückung.

„In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Joh 16,33)

„Nenikeka!“ sagt Jesus. „Ich habe überwunden“ – oder besser: „Ich habe gesiegt“. Triumphierend ist der Auferstandene auf dem Titelbild dargestellt – ein Detail der Kanzel aus der Kreuzkirche in Bischofswerda. Das Grab ist nur noch eine offene, leere Kiste im Hintergrund. Quicklebendig und hoch aufgerichtet präsentiert sich der Sieger mit einem wallenden Umhang. Die gewisse Ähnlichkeit zu Superman war dem Künstler aus dem 16. Jahrhundert vermutlich noch unbekannt.

Doch was ist es für ein Sieg, den Jesus errungen hat? Kein Sieg über Menschen, Gott sei Dank. Sondern ganz im Gegenteil: Ein Sieg für die Menschen. Ein Sieg über all das, was Menschen quält, ihnen Leben und Zukunft nimmt. Sünde, Tod und Teufel tritt Jesus nieder in Gestalt eines alten Gerippes und eines furchteinflößenden Ungeheuers, halb Löwe, halb Schlange.

Recht martialisch bohrt Jesus den Stab in das Böse hinein. Doch der Stab ist nicht in erster Linie ein todbringender Speer, sondern das Zeichen des Sieges. Denn, wenn wir uns das obere Ende anschauen, erkennen wir: Es ist ein Kreuz. Es erinnert daran, dass der Sieg nicht unter Einsatz brutaler Gewalt errungen wurde, sondern mit der Macht bedingungsloser Liebe und aufopfernder Hingabe. Die daran befestigte Fahne lässt alle sehen: Jesus hat überwunden.
Wer sich ihm anvertraut, den befreit er aus unguten Bindungen, aus Angst und Verzweiflung. Er gibt ihm Leben in ganzer Fülle und ohne Ende. Wie die Spielstandanzeige nach Ablauf eines Wettkampfs, so verkündet der Engel mit dem Schriftbanner über dem Kopf von Jesus den Ausgang des Kampfes: „Er wird den Tod verschlingen auf ewig“ (Jes 25,8)

Was für einen Sieg feiern wir zum Osterfest! Kein Ereignis, auch kein militärischer Erfolg, veränderte den Gang der Geschichte so sehr wie Tod und Auferstehung von Jesus Christus. Wenn wir uns nun zu Ostern fröhlich grüßen mit „Der Herr ist auferstanden – Er ist wahrhaftig auferstanden.“ – Dann ist das die Botschaft vom Sieg, die wir weitertragen. Angelehnt an ein Lied von Johann Christoph Blumhardt können wir zuversichtlich miteinander sprechen und bekennen:

Dass Jesus siegt, bleibt ewig ausgemacht.
Sein ist die ganze Welt, sein sind auch wir.
Halleluja. Amen.

Ihr Pfarrer Marc Schneider