Andacht

Liebe Leserinnen und Leser,

wenn die Goldbacher liebevoll von ihrer Maria reden, dann meinen sie keine alteingesessene Matrone, die fleißig ihren Vorgarten pflegt, sondern eine uralte Statue aus Holz in ihrer Kirche: Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm (Titelbild).

Maria nimmt in Gottes Geschichte mit seinen Menschen eine besondere Position ein. Als der Engel Gabriel ihr einen Besuch abstattet, um sie in Gottes Plan einzuweihen, begrüßt er sie mit den Worten:

„Sei gegrüßt, du Begnadete!“ Lk 2,27

„Begnadet“ ist ein Wort, das wir eher selten gebrauchen. Allerhöchstens reden wir z.B. von begnadeten Künstlern. Wir meinen damit Menschen, die offensichtlich sehr geschickt und begabt in ihrem Tun sind – weit über bloßes Mittelmaß hinaus.

Allerdings hat der Begriff des Begnadetseins in unserer deutschen Geschichte einen schalen Beigeschmack bekommen: 1944 stellte das Propaganda-Ministerium unter Joseph Goebbels eine sogenannte „Gottbegnadeten-Liste“ mit 1041 Künstlern zusammen, die für das nationalsozialistische Regime als unverzichtbar erschienen.

Maria wäre sicher nicht auf dieser Liste aufgetaucht. Ein gewöhnliches, dazu noch jüdisches Mädchen aus der Provinz. Was hatte es schon vorzuweisen? Welche besonderen Fähigkeiten zeichneten es aus?

Und doch ist sie für Gott begnadet, ja unverzichtbar für sein Reich. Beim ihm zählen andere Maßstäbe. Begnadet – nicht wegen irgendwelcher vermeintlichen Vorzüge, sondern, weil Gott es so will. Weil er sich am allerliebsten denen zuwendet, die nach menschlichen Gesichtspunkten nicht in der ersten Reihe stehen. Maria ist begnadet, weil Gott sie sieht, sich ihr zuwendet, weil sie von Gott gerufen und berufen und beschenkt ist und er mit ihr Geschichte schreibt – und was für eine!

Maria hat nichts vorzuweisen. Und gerade das ist ihr Vorzug: Ihre Offenheit. Da, wo die Hände nichts vorweisen können (und deswegen auch nicht krampfhaft festhalten müssen), da können sie offen sein für Gott. Und so nimmt das Große, was zu Weihnachten passiert – die Geburt von Jesus, dem Retter -, in einem kleinen „Ja“ seinen Anfang. Es ist das „Ja“ Marias. Sie sagt zum Engel:

„Mir geschehe, wie du gesagt hast.“ V.38

In diesen Worten steckt eine große Offenheit für Gottes Weg mit ihr. Der Jesuitenpater Alfred Delp, ein Märtyrer in der NS-Zeit, sieht gerade in der Offenheit Marias Gott gegenüber eine Botschaft an uns versteckt: Es ist die Einladung, offen zu sein zu Gott hin, um anzunehmen, was er uns in die Hände legt. Damit wir nicht um uns selber kreisen und dadurch in uns selbst verkümmert sind. Damit wir Leben ermöglichen, indem auch wir unser „Ja“ sprechen und Jesus einen Weg ebnen in die Welt hinein, zu den Menschen.

Delp schreibt: „Die Entscheidung zur freien Offenheit zu Gott hin ist die Entscheidung Mariä, ist aber auch die Entscheidung zum Leben.“

Ihr Pfarrer Marc Schneider