ANDACHT

Liebe Leserinnen und Leser,

30 Jahre deutsche Einheit feiern wir in diesen Tagen. Für mich ist das schon länger als die Zeit zuvor, auch insgesamt ist es länger als die Mauer stand. Was ist nicht alles geschehen seitdem! Wie sehr hat sich unser Land, aber auch die ganze Welt verändert!

Der 3. Oktober ist ein nationaler, kein kirchlicher Feiertag. Wenn er nicht auf einen Sonntag fällt, ist das auch für kirchliche Mitarbeitende mal ein wirklich freier Tag. Und trotzdem:  Gibt es nicht genug Anlass, diesen Tag und sein Thema, die Wiederherstellung staatlicher Einheit, auch im Blick auf unseren Glauben an Gott zu bedenken und zu begehen? In Bischofswerda tun wir das mit Orgelmusik und Andacht am Vorabend des 3. Oktober in der Christuskirche. Ich lade Sie herzlich dazu ein.

Drei von vielen Stichworten, die mir zu diesem Datum einfallen, möchte ich hier schon mal kurz anreißen:

Erstens: Danken. Ja, Danken. Ich weiß, dass vielen beim Gedanken an 30 Jahre unter bundesdeutschen Bedingungen nicht nach Dankbarkeit zumute ist. Aber ich halte daran fest: Es gibt vieles, was durch die staatliche Einheit ermöglicht und erreicht wurde, wofür ich – und viele mit mir – dankbar sind. Reisemöglichkeiten und Begegnung mit Freunden aus dem anderen Teil Deutschlands, sauberere Luft nicht nur im Erzgebirge und in Bitterfeld, die Sanierung von Wohnungen, Häusern und Straßen, das Recht, die eigene Meinung zu sagen, auch wenn das manchen nicht passt – und ohne Angst, dafür eingesperrt zu werden. Und so viel mehr … Das relativiert die Schattenseiten in diesen drei Jahrzehnten nicht. Es ergänzt sie. Beides gehörte dazu.

Zweitens: Erinnern. Das schließt an das Vorige an. Erinnern wir ehrlich und differenziert, also kritisch und selbstkritisch! Ich habe den Eindruck, dass die Erinnerungen – jedenfalls die ausgesprochenen – noch zu oft von einseitigen Gewinn- oder Verlustrechnungen geprägt sind. Zur Wahrheit gehört, dass es beides gab, und nach meiner Wahrnehmung auch für die allermeisten von uns. Die vergangenen 30 Jahre waren für kaum jemanden nur Gewinn oder nur Verlust – auch nicht hier in Ostsachsen. Beides muss erinnert und ausgesprochen werden. Nur dann können Wunden heilen und Einigkeit wachsen.

Drittens: Wertschätzen. Sicher ist der 3. Oktober zunächst ein Tag des Rückblicks. Aber dabei kann es nicht bleiben. Die äußere staatliche Einheit konnte durch 2 + 4 Unterschriften hergestellt werden, aber wenn sie dauerhaft gelingen soll, muss die innere Einheit „in den Köpfen“ weiter wachsen. Wir wissen inzwischen, dass das nicht so schnell geht. Und dass wir alle durch unser Reden und Handeln dazu beitragen, ob sie wächst oder nicht. Ständig. Wie wir über andere („die anderen“) reden, wie differenziert wir unsere Erinnerungen erzählen, ob wir Verständnis für unterschiedliche Biografien aufbringen und die Erfahrungen und Leistungen der Menschen wertschätzen, davon hängt ab, ob die Menschen im Allgäu und im Oderbruch, in Halle-Leipzig und im Ruhrgebiet, in Berlin-Kreuzberg, auf den Ostfriesischen Inseln und in der Oberlausitz nicht nur äußerlich eine Einheit bilden. Wobei immer wieder betont werden muss: Einheit heißt nicht Einheitlichkeit. Gott sei Dank! Sein Geist kann uns befähigen, an der Einheit, die uns geschenkt wurde, weiter zu bauen.

Setzt alles daran, die Einheit zu bewahren, die Gottes Geist euch geschenkt hat; sein Frieden ist das Band, das euch zusammenhält. (Epheserbrief 4,3)

Herzlich grüßt Sie

Ihr Pfarrer Joachim Rasch