ANDACHT

Liebe Leserinnen und Leser,

jetzt als ich diese Zeilen schreibe, schießen unsere Tomaten- und Kürbispflanzen in die Höhe und die ersten leckeren Zucchinis konnten wir auch schon verputzen. Meine Frau und ich freuen uns an unserem idyllischen Pfarrgarten mitten in der Stadt. Bei der Gartenarbeit kann man die Gedanken schweifen lassen. Unser Leben gleicht, so finde ich, in vielerlei Hinsicht einem Garten. Ich möchte dazu einladen, einmal darüber nachzusinnen. Wie sieht dein Lebensgarten aus?

Vielleicht tut sich vor deinem inneren Auge eine schöne, grüne Wiese auf, bewässert durch einen gluckernden Bach. Kraft strömt dir zu. Du merkst, wie das Leben pulsiert. Vielleicht siehst du aber auch den von der Sonne ausgetrockneten Rasen, erschöpft von den Mühen des Alltags. Vielleicht ist da nichts als staubiger Boden – doch was könnte dort entstehen, mit frischem Wasser, etwas Arbeit und liebevoller Zuwendung?

Werfen hohe Bäume Schatten auf deinen Garten, geben dir die Frische auch an heißen Tagen – hast du sie gepflanzt oder wurden sie dir von guten Menschen schon vor langer Zeit in den Garten gesetzt? Ist das Erbe lebendig bei dir oder in toten Ritualen erstarrt? Lebst du von anderen, die dir Gutes getan haben und tun?

Ein Nutzgarten bringt im besten Fall leckere Früchte hervor. Wie war die Ernte in deinem Garten? Sind viele Früchte an den Bäumen gewachsen, ist das Gemüse in den Beeten gediehen oder haben widrige Umstände deine mühevolle Arbeit zu Nichte gemacht und du bist enttäuscht?
Bald schon werden die Bäume ihre Blätter verlieren. Dann wird die Vegetationszeit zu Ende gehen. Der Winter kommt in nicht ferner Zeit. Aber hast du dir schon Gedanken darübergemacht, was du im nächsten Jahr säen möchtest in deinem Leben? Welche Früchte möchtest du genießen und mit wem? Hast du nur für dich geplant oder auch so, dass es für andere reicht?

Im Garten hat jede Frucht auch ihren Preis, den Preis der mühevollen Arbeit. Was bist du bereit einzusetzen? Darf es dich etwas kosten, damit dein Lebensgarten gedeiht und nicht nur dir Freude macht, sondern auch anderen Menschen um dich her?

Vielleicht steht da auch eine Bank, auf die du dich setzt, um deinen Garten anzuschauen und zu wissen, dass nicht alles Arbeit und Mühe ist, sondern Gott auch die Ruhe geschaffen hat. Nimmst du sie dir? Gott schenkt sie dir.

Gab es genügend Sonne, genügend Regen in deinem Garten? Dinge, die wir nicht beeinflussen können, wo wir nur dankbar sein können – oder auch vor Gott klagen können, wenn es anders gekommen ist.

Hier und da wächst auch mal was, wo man überrascht ist. Vielleicht ein zartes Blümchen auf dem Weg. Oder ein Gewächs, wo du schon dachtest, es kommt dieses Jahr nicht mehr. Hast du die Augen offen auch für das Unscheinbare, das Überraschende in deinem Leben? Darf Gott dich überraschen?

Unser Leben ein Garten – ein Gedanke, den wir noch eine ganze Weile weiterspinnen können. Vielleicht begleiten dich diese Gedanken, wenn du das nächste Mal Unkraut zupfst, Äpfel erntest oder den Rasen mähst.

Dein / Ihr Pfarrer Marc Schneider