Liebe Leserinnen, liebe Leser,
oft haben wir etwas in der Hand. Wir haben alle Hände voll zu tun. Es gibt so viel zu händeln! Man kann doch nicht einfach die Hände in den Schoß legen! Man muss das Leben in die Hand nehmen und alles im Griff haben.
„Wer seine Hände in den Schoß legt, ist dumm und fällt vom Fleisch.“ (Koh 4,5) So fängt das Buch Kohelet (auch bekannt als Prediger Salomo) die allgemeine Meinung damals ein, die gar nicht so weit entfernt ist von den Einschätzungen Vieler heute. Beispielsweise höre ich immer wieder Klagen über die jungen Leute der Generation Z (also alle, die in den 90ern bis in die frühen 2010er Jahre geboren wurden). Verwöhnt, faul und fordernd seien sie, wollten nicht arbeiten. Was soll da werden? Von nichts kommt nichts!
Doch Kohelet schlägt nicht in diese Kerbe. Sicher: Faulheit ist grundsätzlich kein guter Weg – findet er sicher auch. Der Prediger sieht das Problem allerdings eher an einer anderen Stelle. So gibt er seinen Lesern und auch uns heute seine an alltäglichen Lebensbeobachtungen gewonnene Weisheit mit:
Monatsspruch September
„Besser eine Hand voll mit Ruhe
als beide Fäuste voll mit Mühe
und Haschen nach Wind.“
Kohelet 4,6
Kinder, Ehe, Arbeit, Haushalt, Freunde, Verein, Hobby, Ehrenamt,… – bei all dem, was wir an Bällen tagtäglich jonglieren und mühsam in der Luft behalten müssen, finde ich das Bild, das Kohelet malt, sehr eindrücklich: Eine Hand voll mit Ruhe. Wie mag das aussehen? Wie wir einen Schraubenzieher oder eine Computermaus, ein Smartphone oder einen Kochlöffel halten, das wissen wir. Aber Ruhe?
Nimm ruhig an dieser Stelle einmal deine Hand und öffne sie, so dass du in deine Handfläche schauen und das Muster der vielen Linien erkennen kannst. Sei ganz entspannt dabei. Wenn du magst, überlege mal: Was hast du heute schon alles angepackt? Was hast du bewegt? Was oder wen hast du berührt?
Doch jetzt ruht sie, deine Hand. Sie ist offen und leer. Nun stell dir vor, Gott legt dir eine Handvoll Ruhe dort hinein. Er vertraut sie dir an als ein überraschendes Geschenk, einfach so, zwischendurch. Wie fühlt sich das für dich an? Wird die Hand schwerer oder leichter dadurch? Wärmt die Ruhe oder kühlt sie? Lass sie ein wenig auf deiner Hand schwingen bevor du sie zart umfängst mit deinen Fingern.
Wenn die Ruhe deine Hand füllt, darf sie auch getrost leer bleiben. Nicht alles ist Arbeit und Mühe. Gott hat auch die Ruhe geschaffen. Er ruhte selbst am siebten Tag, nachdem er Himmel und Erde erschaffen hatte. Wer mag da glauben, ohne sie auszukommen?
Ihr Pfarrer Marc Schneider

