Liebe Leserinnen und Leser,
zwei Autos stoßen an einer Kreuzung zusammen. Beide Fahrer geben sich gegenseitig die Schuld. Gibt es Zeugen? Zwei Geschäftsmänner streiten sich darum, was sie mal mündlich vereinbart hatten. Hat jemand das Gespräch mitbekommen? Eine Frau wird auf der Straße ausgeraubt. Der Täter flieht. Wo ist er hin? Wie sah er aus? Zeugen sind viel wert.
Der Apostel Paulus kommt viel rum in der antiken Welt des Mittelmeerraums. Als er nach seiner dritten Missionsreise vor hat, wieder nach Jerusalem zurückzukehren, wird ihm schon prophezeit: Das wird kein gutes Ende nehmen. Aber er ist bereit und geht. Und tatsächlich wird er verhaftet und befindet sich in Gewahrsam, erst in Jerusalem, dann in Cäsarea. Als er eines Tages vor den Statthalter Festus und den König Agrippa gebracht wird, hält er eine beeindruckende Verteidigungsrede, aus der auch der Monatsspruch stammt. Seine Rede ist nicht philosophisch oder abstrakt. Er berichtet ganz einfach von dem, was er erlebt hat.
Was Paulus also hier macht, ist nichts anderes als ein Zeuge zu sein – allerdings kein Zeuge eines Unfalls oder anderer bedauerlicher Vorkommnisse. Ganz im Gegenteil redet er von dem Besten, was ihm je passiert ist: Wie der auferstandene Jesus ihm begegnet ist und sein ganzes Leben umgekrempelt hat. Wie ihn das in viele Gefahren gebracht hat, aber ihn auch viel Hilfe hat erfahren lassen. Und dass er jetzt hier steht und nicht anders kann – wobei, das soll jemand anderes gesagt haben. J
Wie weit hätte es wohl die junge Jesus-Bewegung gebracht, wenn es nicht mutige Menschen wie Paulus gegeben hätte? Menschen, die den Mund aufmachen und von dem reden, was Jesus ihnen bedeutet, wie sie Gott schon erlebt haben und wie der Glaube in ihrem Leben Gestalt gewinnt? Zeugen sind nicht nur viel wert. Sie sind unersetzlich.
Im Glaubenskurs sind es, so finde ich, die intensivsten Momente, in denen Menschen davon erzählen, wie sie Gott in ihrem Leben schon erlebt haben. Und wir merken dann: Davon brauchen wir mehr. Denn Zeugnisse berühren und zeigen: Hier geht es um mehr als bloße Theorien. Zeugen sind wirklich unersetzlich.
Jesus selber hat seinen Jüngern kurz vor seiner Himmelfahrt zugesagt: „Ihr werdet meine Zeugen sein." (Apg 1,8) Damit meint er auch uns heute. Wir sind seine Zeugen. Die Frage ist aber auch: Trauen wir uns? Und finden wir Worte für das, was in unserem Herzen ist?
Ihr Pfarrer Marc Schneider