Auto fasten

Sieben Wochen vor Ostern sind in der Kirche traditionell Fastenzeit. Unter den verschiedenen Fastenaktionen gibt es auch die Fastenaktion für Klimaschutz & Klimagerechtigkeit, kurz: Klimafasten. Die evangelische und katholische Kirche rufen dazu auf, unter dem Motto „So viel du brauchst …“ den Klimaschutz in den Mittelpunkt der eigenen Fastenzeit zu stellen, das eigene Handeln im Alltag zu überdenken und Neues auszuprobieren. Jede der sieben Wochen steht dabei unter einem spezifischen Thema, wie z. B. Wasserverbrauch, sparsames Heizen, Ernährung, Lebensstil.

Anfang März kam die Referentin für Fragen der Schöpfungsverantwortung unserer Landeskirche Anne Römpke auf unsere Kirchgemeinde zu mit der Frage, ob es bei uns eine Person oder ein Fastenteam gibt, die sich in der sechsten Fastenwoche vom 24. bis 30. März mit dem Thema „anders unterwegs sein“ befassen will. „Mobilität ist vor allem im ländlichen Raum und kleineren Städten ein schwieriges Thema. Da würde ich mich freuen eine Christin oder einen Christen jenseits der sächsischen Großstädte zu gewinnen.“

Nach einigem Überlegen haben sich ein paar Leute unserer Gemeinde entschlossen, die Herausforderung anzunehmen: Eine Woche ohne Auto bei normalem Alltag! – Geht das überhaupt auf dem Dorf? Und wenn ja, wie? Das wollten wir ausprobieren. Und das sind unsere Erfahrungen:

Erste Erfahrung:

Wir wohnen in Belmsdorf (Ortsteil von Bischofswerda) und mein Arbeitsort ist Leipzig, einen zweiten Arbeitsort habe ich noch in Dresden, den ich jetzt in der Pandemie häufiger nutze.

Ich arbeite bei der Deutschen Bahn und nutze die Produkte der DB aus Überzeugung! Demzufolge ist Auto-Fasten für mich kein Problem.

Doch gleich am ersten Tag hatte ich kurzfristig einen Termin erhalten, der mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht realisierbar war; ich musste den Tag mit dem mir zur Verfügung stehenden Auto verbringen. Die anderen Tage waren besser: Nach Dresden kommt man gut mit dem Zug und in Dresden mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut weiter. Nach Leipzig geht es ebenso.

Wegen steigender Coronazahlen wurde ein geplanter Termin in den virtuellen Raum verschoben. Manche Reise erübrigt sich dadurch ganz.

Einkäufe und andere notwendige Erledigungen im Nahbereich lassen sich gut mit dem Rad und zu Fuß erledigen. Das bin ich gewohnt.

Allerdings wird mein Vorhaben, ganz ohne Auto auszukommen, durch die aktuelle Corona-Lage eher erschwert. Die Züge der Nahverkehrs sind sehr voll und ein ungutes Gefühl ist daher immer mit dabei. Dann ist das Auto hilfreich, um großen Menschenansammlungen entgehen zu können. Im Fernverkehr dagegen sind die Züge so leer, dass genügend Abstand eingehalten werden kann.

Ich freue mich auf die Nach-Corona-Zeit: Dann ist die unbeschwerte Zugnutzung wieder möglich. Als Eisenbahner nutze ich die Züge aus Überzeugung, bei gutem Wetter (März bis Oktober) nehme ich das Rad zum Bahnhof und das Auto nur bei schlechten Wetter und ungünstigen Zugverbindungen.

Uwe

Zweite Erfahrung:

Fahrrad statt Auto. Eine Woche lang. Ein Selbstversuch. Bei überwiegend herrlichem Frühlingswetter ist es einfacher als gedacht. Zum Gottesdienst komme ich trocken an. Und ohne Gegenwind ist es auch zum zweiten Gottesdienst rechtzeitig zu schaffen. Ein Geburtstagsbesuch bei meiner 86-jährigen Mutter war auch mit Zug und Bus gut machbar. Besuche in der Gemeinde, Absprachen im Büro – alles auch mit dem Fahrrad möglich. Allerdings muss ich Fahrzeiten genauer kalkulieren und muss mich gut organisieren: alles gut einpacken, nichts vergessen, rechtzeitig aufbrechen.

Zeitmanagement und Selbstdisziplin sind wichtig, aber nicht alles. Es werden auch Grenzen deutlich:

– Ich konnte in dieser Woche auf umfangreichere Transporte verzichten (Leinwand und Beamer z. B., den Korb mit Gesangbüchern, dies oder jenes Material …). Doch das geht nicht immer. Manches lässt sich mit dem Fahrrad kaum oder gar nicht transportieren.

– Termine an verschiedenen Orten dürfen nicht zu dicht liegen bzw. gelegt werden. In der aktuellen Corona-Zeit ist das leichter zu realisieren als im normalen Alltag einer Gemeinde mit fünf Kirchorten (das waren früher mal fünf Gemeinden).

– Am Sonntagmittag (nach den Gottesdiensten) noch zum Wandern oder Klettern in die Sächsische Schweiz fahren geht zwar ohne Auto, aber die Fahrzeit ist so lang, dass es sich für einen halben Tag nicht lohnt.

Ganz ohne Auto kann ich mir Leben und Arbeit hier auf dem Dorf nicht vorstellen. Genauer: will ich nicht. Doch weniger Auto und mehr Fahrrad ist sehr wohl möglich. Das hat mir die eine Woche gezeigt. Und dafür hat sie sich gelohnt.

Joachim

Dritte Erfahrung:

Geht!
Ich fahre nicht Auto.
Ich fahre Rad.
Was tue ich, wenn andere „Auto-Fasten“?
Ich gehe.
Ich gehe zur Arbeit, zum Supermarkt, zur Post, zum Buchladen, zum Optiker…und zurück.
36 km in dieser Woche.
Ich brauche mehr Zeit.
Ich habe mehr Zeit.
Ich nehme anders wahr: Natur, Menschen, Dorf, Stadt, mich selbst.
Es war gut.
Ich werde es weiterhin tun.
Auch weil „alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge“ (J.G. Seume)
In diesem Sinne:
Geht!

Christiane